Brief an die Genossinnen und Genossen

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

vor acht Jahren habt ihr mir euer Vertrauen geschenkt, um Hattingen, Herdecke, Sprockhövel, Wetter und Witten im Deutschen Bundestag zu vertreten. Mit eurer Unterstützung hat es dann zweimal geklappt, den Wahlkreis direkt für die SPD zu holen.

Es war eine spannende Zeit und ich habe unglaublich viel gelernt über diesen Wahlkreis, seine Menschen, Initiativen, Unternehmen, über seine Chancen und Probleme.

Mit der Einführung des Mindestlohns, zusätzlichen Mitteln für die Kommunen, dem sozialen Arbeitsmarkt und nicht zuletzt der Grundrente – um nur ein paar Beispiele zu nennen - haben wir einiges erreicht. Es stimmt, wir mussten als Partei auch schmerzhafte Kompromisse machen, das hat auch vor Ort zu intensiven Diskussionen geführt.

Es ist einiges geschehen, was wir vor acht Jahren wohl nicht vorausgesehen haben: Die hohe Zahl von Geflüchteten, die seit 2015 zu uns gekommen sind, und eine in weiten Teilen offen rassistische Partei im Bundestag. Letztere hat die politische Diskussionskultur nicht nur im Parlament massiv beschädigt.

Aktuell stellt uns vor allem die Corona-Krise vor eine große Herausforderung. Medizinisch, organisatorisch, aber auch politisch. Was kann, was darf Demokratie an Einschränkungen den Bürgerinnen und Bürgern zumuten? Was kann, was muss die Demokratie an Kritik und aberwitzigen Meinungen aushalten? Wo muss sie klare Grenzen setzen?

Corona macht deutlich, wie anfällig viele Menschen für Verschwörungstheorien sind. Je komplizierter die Welt, desto größer der Wunsch nach einfachen Antworten. Das wird uns alle sicherlich noch sehr lange beschäftigen.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

ich werde bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr, mit dann 66 Jahren, nicht mehr antreten.

In den vergangenen Monaten haben mich einige innerhalb und außerhalb der Partei angesprochen und gebeten, noch einmal zu kandidieren. Es ist schön, wenn Engagement und Arbeit für den Wahlkreis Wertschätzung finden. Aber niemand ist unersetzlich. Das war und ist meine Überzeugung, gerade, wenn es um politische Funktionen geht.

Die SPD ist wohl in der schwierigsten Lage seit Bestehen der Bundesrepublik. Nicht nur die jüngsten Wahlergebnisse zeigen, dass viele Menschen mit unserer Partei nicht mehr das verbinden, was wir gern vermitteln wollen, nämlich den entschlossenen Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität Dafür gibt es viele Gründe, einige davon liegen auch bei uns selbst.

Dabei braucht die Bundesrepublik gerade jetzt eine starke SPD, um soziale Verantwortung, wirtschaftliche Kompetenz und den Schutz der Umwelt gemeinsam zu denken. Keine andere Partei kann das so, wie die Sozialdemokratie.

Wenn wir beklagen, dass wir in vielen gesellschaftlichen Bereichen kaum oder gar nicht mehr vertreten sind - können wir nur darauf warten, dass Menschen sich uns anschließen, sich bei uns engagieren? Oder müssen wir nicht sehr viel stärker auf jene zugehen, von denen wir wissen, dass sie unsere Ziele teilen? Haben wir da genug getan? Ich für mich muss einräumen, es hätte mehr sein können.

Mutige Sach- und Personalentscheidungen sind notwendig, um die Menschen auch im Wahlkreis 139 für die SPD zu gewinnen, zu überzeugen, dass ihre Stimme bei der SPD am besten aufgehoben ist.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen, dieser Brief ist die Ankündigung des Abschieds aus einer Funktion, aber nicht aus dem Engagement für unsere gemeinsame Sache. Es gibt genug zu tun, wenn mein Rat und meine Unterstützung gefragt sind, bin ich gern dabei!

Es war mir eine Ehre, als euer Abgeordneter in Berlin und in diesem Wahlkreis arbeiten zu dürfen. Allen, die die mich unterstützt haben, danke ich ganz herzlich dafür.

Euer

Ralf Kapschack

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